Auseinandersetzung mit dem Thema "Einwanderer"

 

 

Dynamische Natur

 

"Eigentlich ist es zum Staunen: In einer Zeit, in der allenthalben der Artenschwund beklagt wird, immer mehr Arten selten werden und in Gefahr geraten, regional oder ganz auszusterben, gibt es andere, denen es offenbar gut geht, daß sie sich ausbreiten und neue Räume besiedeln. Läuft da etwas falsch? Müssen wir die "Einwanderer" mit Sorge betrachten und mit Sorgfalt verfolgen, wohin sie sich wenden und was sie tun oder anrichten? Sind sie gar unerwünscht und sollten bekämpft werden? Was sind das überhaupt für Arten, die es schaffen, sich gegen den Strom zu richten und Raum gewinnen, wo viele andere laufend verlieren?

 

Man nennt sie "Zuwanderer" oder "Einwanderer", manchmal auch "Eindringlinge" oder "Fremdlinge". In der Fachsprache der Biologen heißen sie merkwürdigerweise "Neozoen" und "Neophyten", obwohl es sich weder um "neue Tiere" noch um "neue Pflanzen" handelt, sondern nur um solche, die sich entweder von selbst aus einem Raum ausgebreitet haben und Neuland besiedelten oder mit Hilfe des Menschen dorthin gelangten. Und fast ausnahmslos werden sie als "faunenfremde" oder "florenfremde" Arten mit großer Skepsis betrachtet oder gar als "Faunen- oder Florenfälschung" abgelehnt, wenn der Mensch ihre Ansiedlung mitverursacht hat. Waren sie früher schon einmal in der "neuen" Region heimisch, geht es ihnen besser. Sie werden als willkommene "Wiederheimkehrer" angesehen und oft besonders gefördert. Drängen sich da Vergleiche nicht geradezu auf, wie "Fremde" und "Heimkehrer" von den anderen Menschen in den verschiedenen Staaten und zu verschiedenen Zeiten betrachtet und behandelt worden sind? Kurz: Wie sollen wir die "Einwanderer" sehen? Als Gefahr, als Problem oder als willkommene Vermehrung der Vielfalt in der Natur? Gibt es dazu Regeln oder gar ökologische Notwendigkeiten? Gesetze hierzu gibt es wohl, nämlich die Naturschutzgesetze oder die Jagdgesetze und andere. Aber was haben menschengemachte Gesetze schon viel mit Natur zu tun?"

 

(aus Reichholf 1995: 7, "Die Natur wieder zulassen", Einleitung zum Ausstellungskatalog: "Einwanderer - Neue Tierarten erobern Österreich", OÖ.Landesmuseum) 

Warum sollen Pflanzen nicht wandern dürfen?

Wir Menschen, die die größten Einschnitte und Veränderungen im Naturhaushalt ausgelöst haben, bewerten "Einwanderer", egal ob tierische oder planzliche und verleihen ihnen "Prädikate" wie "nützlich", "schädlich" oder ähnliche.Wir ändern Lebensräume oft radikal und wundern uns, daß Arten verschwinden und neue Arten sich ansiedeln.Wir züchten neue Pflanzen- und Tiersorten und beschweren uns, daß unsere "guten", "alten" "heimischen" Arten immer weniger werden. Wir holen uns den Hauch von Exotik in unsere Wohnungen und Gärten und merken oft nicht, daß sie die Grenzen unserer Grundstücke oder Gebäude nicht akzeptieren (können) und sich in alle Richtungen ausbreiten, wenn die Lebensbedingungen ihnen passen. Sie folgen uns, wenn es ihnen zusagt ("Kulturfolger") und sie entwachsen uns, wenn sie woanders Platz und entsprechende Bedingungen vorfinden ("Kulturflüchter").   

Wie lange muß eine Art "fremd" bleiben, um "heimisch" zu werden? 

Wie bezeichnen die Bisamratte als "heimisch", einen Marderhund allerdings als "fremd", die Kartoffel und den Mais als "heimisch", das Drüsen-Weidenröschen, den Japan-Knöterich oder das Drüsen-Springkraut wiederum als "fremd". Vieles, was vor langer Zeit zu uns kam, auf welchem Weg auch immer, erhielt in der Zwischenzeit unsere "Aufenthaltsgenehmigung". So wie es den typischen "Österreicher" nicht gibt, gibt es auch keine wirkliche "typische österreichische Flora oder Fauna".


"nützlich" oder "schädlich"?

Empfinden wir einen Einwanderer als schön oder nützt er uns, sehen wir seine Einbürgerung gar nicht so eng. (Vergleiche mit eingewanderten Arbeitskräften drängen sich da doch auf?)
Eine Schlupfwespe z.B., die ihre Eier in "schädliche" Raupen, vielleicht sogar noch in die, von Raupen der einge"wanderten" (?) Kastanienminiermotte legt und sie so "natürlich" bekämpft, wäre hierzulande hochwillkommen oder würde sogar zu diesem Zweck ins Land geholt werden. Nachgelagerte Probleme, die dadurch entstehen könnten wie z.B. Verschiebungen lokaler biologischer Gleichgewichte werden oft dafür in Kauf genommen oder nicht einkalkuliert.
Dies ist wie vieles mesitens eine Sache der Interessensgruppen. Es haben halt nicht alle Menschen die gleichen Interessen, Ansichten und Meinungen (und nicht alle Interessensgruppen gleichgroße "Lobbies"). Ein Bauer sieht Natur anders, als ein Urlauber - ein Jäger oder Fischer anders als ein Naturschützer. Eine Kastanienminiermotte, die schonungslos geschwächte Bäume "aufdeckt", wird als "Schädling" mit allen Mitteln bekämpft. "Schädlich" sein heißt: Der "Schädling" verursacht dem Menschen Kosten. Ökologisch gesehen kann man allerdings meistens nicht von Schaden sprechen oder ist es ein ökologischer Schaden, wenn Kormorane mit Fischen gefüllte Teiche ansteuern. Wir setzen allzugerne wirtschaftlichen Schaden mit ökologischen Schaden gleich. Hinter den wirtschaftlichen Argumenten stehen nicht selten auch archaische Ängste. Unser Unterbewußtsein hat den Bären, den Wolf oder den Luchs als Feind, als tödliche Bedrohung "gespeichert". Allein der Gedanke, ihnen im Wald zu begegnen löst Unwohlsein aus. Niemand denkt da an die zigtausenden Verkehrstoten oder die Millionen Opfer falscher Ernährung bzw. Lebensweise. 

Grenzenlose Wanderungen

Pflanzen und Tiere können unsere Grenzen und Gesetze nicht erkennen und einhalten. Der Begriff "Grenze" ist absolut eine menschliche Erfindung. Grenzen werden vom Menschen aufgestellt, je "zivilisierter" der Mensch, desto mehr. Grenzen geben den Menschen Sicherheit, doch oft um den Preis der Freiheit. Oft wünschen sich die Menschen, frei zu sein wie ein Vogel. Wenn es aber ums Zugestehen geht, sind wir wieder stark von unserer persönlichen Grenze eingeengt.
Die Natur stellt keine Grenzen auf. Die Pflanzen- und Tierwelt siedelt sich dort an, wo es gut geht bis dorthin, wo es gerade noch geht und hört dort auf, wo es nicht mehr geht - aufgrund welcher Faktoren auch immer.  

Dynamik der Wanderbewegungen 

Durch unsere immer effizienteren technischen Möglichkeiten bringen die von uns gesetzten Maßnahmen immer größere Veränderungen der Lebensräume mit sich.

Was sich früher im regionalen Rahmen ereignet hat, nimmt heute schnell globale Dimensionen ein. Industrie und motorisierter Verkehr, Kinder der Neuzeit, beeinflussen das Weltklima in einem Ausmaß, das heute noch nicht wirklich abschätzbar ist.

Tempo ist nicht nur eine Eigenschaft unserer Zeit, es gilt auch für die Migration von Tier- und Pflanzenarten. Mit Hilfe von schnellen Transportmedien wie Flugzeugen gelangen tropischen Pflanzen innerhalb eines Tages in unsere Wohnzimmer. Die große Welt wird täglich um ein Stück "kleiner".
Christopher Columbus und seine Zeitgenossen ließen die Kontinente enger aneinanderrücken. Seither jagt eine Erfindung die andere - Technik ist der Ethik um "Lichtjahre" vorausgeeilt. Die künstliche Vernetzung der Welt ist keine Utopie mehr. (Natürlich vernetzt ist die Welt ja seit Anbeginn und wird sie nach unserem Verschwinden immer noch bleiben.) 

Der Mensch - die Krone der Schöpfung? 

Entwicklungsgeschichtlich gesehen ist der Mensch erst seit einem winzigen Bruchteil der Erdzeit hier zu Gast ist. Wir wissen zwar, daß "alles fließt" (panta rhei), lassen diese Erkenntnis aber nicht aus den philosophischen Werken in unsere Köpfe und Hände fließen. So löst Veränderung zu Beginn immer Unbehagen und Skepsis in uns aus. Durch die Erforschung der Geschichte unseres Planeten sehen wir, daß sich die Lebensbedingungen immer schon geändert haben und damit deren Bewohner, ein dauerndes Kommen und Gehen .

Die Begrenztheit unseres Menschenlebens läßt uns viele Dinge nicht in ihrer Ganzheit erkennen. Ähnlich wie viele Politiker in Legislaturperioden denken und planen, so denken wir in einigen wenigen Menschengenerationen. Würden wir anders denken, müßten wir uns hier als Gäste betrachten und das Leben mehr noch als Geschenk würdigen.  

Fließende Übergänge 

Das "Rad der Zeit" können wir nicht zurückdrehen. So wie man "nie wieder in den selben Fluß steigen kann", so wie man gesprochene Worte nicht wieder zurücknehmen kann, so wenig kann man alte Zustände wieder herstellen.

Die heimischen, vom Menschen nicht beinflußten Urwälder sind Vergangenheit. Die Reste werden als Reservate geführt, "künstlich" am Leben erhalten. Das soll nicht heißen, daß diese Bemühungen umsonst wären - es sind halt nur "Insellösungen". Die "urheimische" Flora und Fauna gibt es nicht mehr (bzw. gabe es nie). Im Sinne des "Fließens" haben wir das anzunehmen - genauso wie das Eindringen neuer "Elemente". Das ist Natur.

 

 

Ausbreitungsökologie

 

Was für den Lebensraum "Bahngelände" gilt, gilt auch für die Art der Diasporenverbreitung - der starke Einfluß des Menschen:

DÜLL/KUTZELNIGG (1986: 19f) schreiben in Anlehnung an MÜLLER-SCHNEIDER (1977) : 

Menschenwanderer = Anthropochoren

"Hierher gehören alle Pflanzen, die sich erst durch direkte Mitwirkung des Menschen einbürgern und ausbreiten konnten. Je nach Art und Weise der Einschleppung kann man mit MÜLLER-SCHNEIDER (1977) unterscheiden:

Abschließend sei noch auf die Pflanzen eingegangen, die auf verschiedene Weise verbreitet werden, die sogenannten Polychoren. Polychorie ist entgegen der hergebrachten Meinung nicht etwa selten, sonder das übliche. Wie schon angedeutet, sind einige Verbreitungsformen immer miteinandergekoppelt, so z.B. Wind- und Tierstreuer. Zahlreiche Pflanzen werden auf vielfache Weise verbreitet, so z.B. die Papaver-Arten (Mohn) durch Menschenverbreitung, Bearbeitungsverbreitung, als Wind- und Tierstreuer, als Ballonflieger und als Regenschwemmling. Oft wird die geschlechtliche Vermehrung ergänzt durch ungeschlechtliche Vermehrung, so bei Ranunculus repens (Kriech-Hahnenfuß) und vielen anderen Sproßpflanzen."

Zu den genannten vier Möglichkeiten der Wanderung mit Hilfe des Menschen möchte ich noch zwei hinzufügen:

 

Weitere, natürliche Verbreitungsmethoden, die Pflanzen erfolgreich entlang der Schienen reisen lassen: 

Selbstverbreiter = Autochoren

Windwanderer = Anemochoren
(Mehrzahl der heimischen Arten)

Wasserwanderer = Hydrochoren

Tierwanderer = Zoochoren

(DÜLL/KUTZELNIGG 1986: 15-19)

Wie man anhand der Beispiele erkennen kann, bedienen sich die Bahnpflanzen, wie andere Pflanzen auch, aller Verbreitungsmechanismen. Polychorie gilt auch für Bahnpflanzen. Daß sich diese Pflanzen an den Menschen angepaßt haben, ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Es sind vielmehr jene Arten erfolgreich, die in ihrem Repertoire Möglichkeiten haben, trotz oder gerade wegen der menschlichen Einflüsse gut zu gedeihen und sich effektiv fortzupflanzen. Entwicklungsgeschichtlich ist es eigentlich zu kurz, um von einer Anpassung der Pflanzen an den Menschen sprechen zu können.

 

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, noch einige Begriffe klarzustellen: 

Klassifizierung von Anthropochoren

(Anthropochoren sind nach SCHROEDER (1969) Sippen, die sich infolge direkter oder indirekter Mithilfe des Menschen in einem Gebiet eingefunden haben.)

 

Einteilung nach dem Grad der Einbürgerung (Naturalisationsgrad):

Einteilung nach der Einwanderungs- bzw. Einführungsart (Art der Ansiedlung):

Einteilung nach der Einwanderungszeit:

Unterscheidung zwischen "dauerhaft ansässig" und "unbeständig":

"SCHROEDER (1974,1976) bezeichnet in diesem Zusammenhang Hapaxanthe (Einjährige, Einjährig-Überwinternde, Zweijährige) nach etwa 5 Jahren, perennierende Stauden, Sträucher und Bäume nach mindestens drei Sippengenerationen bereits als eingebürgert und damit als dauerhaft ansässig. FUKAREK u. HENKER (1983-1987) setzen die Meßlatte höher an und billigen den Vorkommen krautiger Sippen erst nach mindestens 25 Jahren (ohne Ausbreitung!) "Einbürgerungstendenz" zu; bei Sträuchern und Bäumen wird ein entsprechend höherer Mindestzeitraum angesetzt. " (aus BERGMEIER 1991: 133)

Die Eigenschaft "dauerhaft ansässig" und die Tatsache einer langjährigen Beständigkeit stellen jedoch keine Garantie eines wirklich dauerhaften Bestandes dar. Es hat auch Sippen gegeben, die nach über 30 Jahren wieder verschwunden sind.

 

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