Unterschiede zwischen der Vegetation der offenen Strecke und der Bahnhofsvegetation

Offene Strecke :

 

Die Florenaufnahmen an den fünf Streckenabschnitten haben gezeigt, daß es sich auf offener Strecke in besagtem Gebiet keineswegs um extrem trockene Lebensbedingungen handelt. Ursachen für das zum Teil üppige Gedeihen der vielen vorgefundenen "feuchtigkeitsliebenden" Arten (z.B. Schilf, Blutweiderich, Wasser-Dost, Gilbweiderich, Wasser-Knöterich u.a.) sind:

 

 

Was die Nähe der Pram betrifft, bekam ich eine Kostprobe am 19.7.1997 bei meiner Begehung des Abschnittes "Kimpling". Durch das extreme Hochwasser waren viele bahnstreckennahe Straßen gesperrt. Der Bahnhofsparkplatz von Neumarkt war gut einen Meter unter Wasser. Gleich neben dem von mir untersuchten Abschnitt bei der Haltestelle Kimpling floß ein übergegangener Wiesenbach direkt neben dem Bahndamm. Die geplante Begehung eines Abschnittes bei Allerding war nicht möglich, da die Straße dorthin überflutet war. 

Erst direkt am Schotterbett kann man von trockenen Bedingungen für die Pflanzen sprechen. Hier setzen sich vor allem Pflanzen mit unterirdischen Speicherorganen, ausgedehnten Wurzelsystemen und hohem Regenerationsvermögen durch (siehe "Unverwüstliche" (HOLZNER (1981)) im Kapitel "Unkrauttypen"). Pflanzen wie der Acker-Schachtelhalm dominieren hier förmlich. Weitere erfolgreiche Pflanzen des Schotterbettes sind Ranker und Kletterer wie die Acker-Winde, die Kratzbeere, die Waldrebe, der Winden-Knöterich und auch der Huflattich. Manchmal wagen sich sogar Ausläufer des Schilfes in die trockene Region der Schotterkrone  

Im Bereich der Deckfläche zwischen den Gleisen, findet man auf offener Strecke fast nur mehr den Acker-Schachtelhalm, der sowohl Temperaturen über 50°C, als auch Gifteinsätze überdauern kann. Gegenüber Herbiziden zeigt er eine bemerkenswert hohe Resistenz, was wiederum den Einsatz dieser Mittel noch mehr in Frage stellt.  

Auf den Bahnböschungen entlang der Bahnstrecke sind großteils Pflanzenarten der umgebenden Florenbereiche zu finden, Elemente der Wiesen und der bachbegleitenden Auwälder der Pram. Südliche bzw. östliche Pflanzenarten, wie sie auf den Bahnhöfen zu finden sind, habe ich auf offener Strecke bis auf einige wenige Ausnahmen kaum gefunden (z.B. vereinzelte Reseden (Reseda lutea)). 

Das Fehlen dieser Arten auf offener Strecke unterstützt die Feststellung von BRANDES & OPPERMANN (1995: 102f ), daß "ferroviatisch" reisende Pflanzenarten, d.s. Arten, die sich entlang der Bahnlinien ausbreiten, sprunghaft wandern - sozusagen von Bahnhof zu Bahnhof. Sie nutzen die linearen Strukturen scheinbar lediglich zur Ausbreitung.  

 

Bahnhofsgelände : 

Hier kann man von stark unterschiedlichen Bedingungen sprechen. Die Zeigerwertanalyse zeigt deutlich die großen Bandbreiten dieses Lebensraumes was Feuchtigkeit bzw. Trocknis, Nährstoffe, pH-Werte usw. angeht. Die Durchschnittswerte der Zeigerwerte erwiesen sich als weniger aussagekräftig, wie ich erhofft hatte. Ich hätte mir eine deutliche Dominanz der "trockenheits- oder wärmeliebenden" Arten erwartet. Von einer Dominanz kann aber eindeutig nicht gesprochen werden, eher von einer gewissen Tendenz. Wirklich überraschend ist die große Bandbreite, was die einzelnen ökologischen Faktoren betrifft: 

Wie auch im Kapitel "Zeigerwerte" schon behandelt, gedeihen auf den untersuchten Bahnhöfen oft "feuchtigkeitsanzeigende" Pflanzen neben "Trockniszeigern" in bester Koexistenz:

z.B. Cardaria draba (Pfeil-Kresse) (Feuchtezahl: 3 = Trockniszeiger) neben Polygonum amphibia (Wasserknöterich) (Feuchtezahl: 11 = Wasserpflanze) 

Ebenfalls enorme Unterschiede konnte ich beim Stickstoff-Anspruch feststellen: So findet man Artemisia vulgaris (Gewöhnlicher Beifuß) (Stickstoffzahl 8 = ausgesprochener Stickstoffanzeiger) nahe Pimpinella nigra (Schwarze Bibernelle) (Stickstoffzahl 1 = Anzeiger stickstoffärmster Standorte).

 

Ich versuche nun, einige Erklärungsansätze für diese oft widersprüchlichen Gemeinschaften zu geben:

 

 

Im Gegensatz zur offenen Strecke kann man bei den Bahnhöfen wirklich von einem eigenen Lebensraum sprechen. Hier unterscheidet sich die Vegetation zu der der Umgebung gravierend. Einige Arten sind bei uns beinahe ausschließlich auf Bahnhöfen zu finden. Man kann hier durchaus von "typischen" Bahnpflanzen sprechen (gilt jedenfalls für OÖ. Bahnhöfe):

z.B. die Virginische Kresse (Lepidium virginicum), der Purpur-Storchschnabel (Geranium purpureum), der Schmalblättrige Hohlzahn (Galeopsis angustifolia), der Finger-Steinbrech (Saxifraga tridactylites) oder der Mäuse-Federschwingel (Vulpia myuros).

 

Einige dieser "typischen Bahnhofspflanzen" werden in der Literatur als selten bzw. gefährdet bezeichnet. Die Bahnhöfe bieten ihnen allerdings Bedingungen, die das Vorkommen von großen Mengen dieser sonst raren Pflanzen ermöglichen, was die riesigen Bestände von Vulpia myuros und Saxifraga tridactylites auf den untersuchten Bahnhöfen eindrucksvoll beweisen.  

"Vulpia myurus (L.) GMELIN Mäuse-Federschwingel 

O: Linz, auf den Gleisanlagen des Hauptbahnhofs reichlich, in besonders ausgedehnten Beständen, weite Flächen deckend auf dem Frachten- und Verschiebebahnhof West, kleine Bestände an einem Gleis an der Unteren Donaulände, in ausgedehnten Massenbeständen auf dem Bahnhof Linz-Wegscheid, hier auch auf dem Schienen- und Betonschwellenlager, 1994, 1995, Me - 7751/2,4 

GEIßELBRECHT-TAFERNER & MUCINA 1995: 105 berichten aus Linz, daß V. myurus kleine Bestände auf den ebenen gepflasterten Oberkanten der Donau-Uferböschungen bildet, besonders entlang des Zollfreizone-Hafens. Sie meinen, auf Grund ihrer Beobachtungen wäre die Wahrscheinlichkeit groß, daß die Diasporen über die Donau eingeschleppt wurden, da auch Funde aus Regensburg (MÜLLER 1987: 111) bekannt wären. 

Mir scheint aber besonders bemerkenswert, daß sie berichten, daß bereits Duftschmid im vorigen Jahrhundert erstmals V. myurus von Eisenbahndämmen in Linz erwähnt! Dieses Gras wird auch von ESSL in BRADER & ESSL 1994: 28 von zwei Bahnhöfen an der unteren Enns in Oberösterreich angegeben.

Vulpia myurus ist demnach in Linz wohl schon seit langem auf den Bahnanlagen völlig eingebürgert und ist von dort entlang der Gleisanlagen in das Hafengelände an die Donau gekommen! MÜLLER 1987: 109 weist ohnedies darauf hin, daß V. myurus in jüngster Zeit vermehrt entlang der Eisenbahnlagen zu beobachten ist. Auch in der Steiermark ist dieses Gras auf drei Bahnhöfen seit Jahrzehnten völlig eingebürgert (MELZER 1995:231) 

Da GEIßELBRECHT-TAFERNER & MUCINA 1995 l.c. von einem Vorkommen dieser Art am Rande einer Schottergrube in Wien (nach JACKOWIAK 1990:111) berichten, sei erwähnt, daß sie in dieser Stadt und im pannonischen Gebiet in Niederösterreich und im Burgenland nach unseren Beobachtungen in letzter Zeit sowohl in Sand- und Schottergruben als auch vor allem auf Bahnanlagen häufig angetroffen wurde. Nach der Roten Liste von NIKLFELD & al. 1986: 106 (so auch in ADLER 1994: 1006) wäre V. myurus stark gefährdet (Stufe 2).

Eine solche Gefährdung ist aber nach den neuen Kenntnissen sicher nicht gegeben, wie MELZER 1995: 231 für Niederösterreich und Wien betont, was aber auch für das Burgenland gilt."

(MELZER & BARTA (1996) - Linzer biol. Beitr. 28/2 "Neues zur Flora des Burgenlandes, von Niederösterreich, Wien und Oberösterreich", Linz: 877)  

Ähnliches gilt für den Finger-Steinbrech (Saxifraga tridactylites). Ich stieß auf Millionen von verblühten Pflanzen, besonders an den Bahnhöfen Wels und Neumarkt-Kallham. 

Am Bahnhof Wels führte ich eine Zählung von Pflanzen pro dm2 durch: sie ergab ca. 50 Einzelpflanzen dieser frühblühenden Steinbrechart.

Allein am Bahnhof Neumarkt/Kallham ergibt sich damit folgende Rechnung:

Bestände in dieser Dichte entlang von ca. 300 m im Zwischenbereich der Gleise im Grus - das ergibt ca. 4500 m2 Fläche mit Saxifraga tridactylites. Auf einem Quadratmeter befinden sich ca. 5000 Pflanzen - auf 4500 Quadratmetern daher:  

22,5 Millionen Stück Saxifraga tridactylites !!!  

Dies ergibt eine fast unvorstellbare Menge von Samen, die den Fortbestand dieser Art sichern. 

 

 

Mögliche Gründe für die Unterschiede zwischen Bahnhofsvegetation und der der offenen Strecke:

 

 

Unterschiedliche Standortfaktoren

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